Warum Lipödem und Lymphödem trotz ähnlicher Symptome zwei unterschiedliche Krankheitsbilder sind.
Das Lipödem und das Lymphödem werden im medizinischen Alltag bis heute häufig miteinander verwechselt. Beide Erkrankungen können Schwellungen, Spannungsgefühle, Schmerzen und Beschwerden der Extremitäten verursachen.
Trotzdem handelt es sich aus unserer Sicht um zwei grundsätzlich unterschiedliche Krankheitsbilder.
Gerade diese Unterscheidung ist entscheidend für die richtige Diagnose, die richtige Therapie und das Verständnis der Beschwerden.
Die wichtigsten Unterschiede zwischen Lipödem und Lymphödem
| Merkmal | Lipödem | Lymphödem |
|---|---|---|
| Verteilung | meist symmetrisch | häufig asymmetrisch |
| Füße/Zehen | meist ausgespart | typischerweise betroffen |
| Hauptproblem | Gewebevermehrung aus Fett, Bindegewebe und Haut | gestörter lymphatischer Abstrom |
| Schmerz | häufig druckschmerzhaft | anfangs oft eher Spannungsgefühl |
| Gewebe | weich-wellig, knotig | zunehmend verhärtet/fibrotisch |
| Ursache | multifaktoriell, hormonell/genetisch diskutiert | Schädigung oder Fehlbildung des Lymphsystems |
| Typische Auslöser | Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Veränderungen | Operationen, Tumoren, Bestrahlung, angeborene Defekte |
| Stemmer-Zeichen | meist negativ | häufig positiv |
| Beteiligung Hände/Füße | oft nicht betroffen | häufig betroffen |
| Verlauf | chronisch progredient | chronisch progredient |
Was passiert bei einem echten Lymphödem?
Beim klassischen Lymphödem liegt das Hauptproblem im gestörten lymphatischen Abstrom.
Die Lymphgefäße können interstitielle Flüssigkeit — also Gewebewasser zwischen den Zellen — nicht mehr ausreichend abtransportieren.
Dadurch entsteht ein Rückstau von eiweißreicher Flüssigkeit im Gewebe.
Ursachen können sein:
Typische Merkmale eines Lymphödems
Ein echtes Lymphödem zeigt aus unserer Sicht meist:
Typische Merkmale eines Lipödems
Beim Lipödem liegt nach unserer klinischen Erfahrung dagegen primär eine Gewebevermehrung, eine Veränderung des Fettgewebes, des Bindegewebes und der Haut vor.
Typisch sind:
Die Füße bleiben dabei häufig ausgespart.
Warum das Lipödem trotzdem anschwellen kann
Viele Betroffene berichten abends über stärkere Beschwerden, zunehmende Schwellungen, mehr Spannungsgefühl bei Wärme oder stärkere Beschwerden nach langem Stehen.
Denn: Je größer das Gewebevolumen wird, desto höher werden interstitieller Druck, Belastung der Mikrozirkulation und Belastung kleiner Gefäße.
Unsere Sichtweise: Nicht jede Fußschwellung ist ein Lymphödem
Nach unserer klinischen Erfahrung wird häufig missverstanden, dass nicht jede Fußschwellung automatisch ein klassisches Lymphödem bedeutet.
Wenn die Kapazität des Bindegewebes zur Flüssigkeitsspeicherung überschritten wird, entsteht überschüssige freie Flüssigkeit im lockeren Unterhautgewebe.
Diese Flüssigkeit folgt letztlich der Schwerkraft, Wärme, Tagesbelastung und physikalischen Faktoren.
Die Rolle von Bindegewebe und Gefäßen
Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten beschreiben Fibrose, Veränderungen der extrazellulären Matrix, Gefäßveränderungen, erhöhte Gefäßdurchlässigkeit und Veränderungen kleiner Lymphgefäße als wichtige Bestandteile der Erkrankung.
Dadurch kann Flüssigkeit leichter austreten und der interstitielle Gewebedruck weiter ansteigen.
Der Teufelskreis des Lipödems
Aus unserer Sicht entsteht dadurch ein medizinischer Circulus vitiosus:
Warum die Unterscheidung so wichtig ist
Lipödem und Lymphödem sind aus unserer Sicht keine identischen Erkrankungen.
Sie können sich überschneiden, gegenseitig beeinflussen oder gemeinsam auftreten.
Trotzdem ist die genaue klinische Unterscheidung entscheidend.
Moderne Diagnostik braucht klinische Erfahrung
Die Unterscheidung zwischen Lipödem und Lymphödem entsteht aus unserer Sicht nicht allein durch Tabellen oder einzelne Messwerte.
Entscheidend sind klinischer Blick, Tastbefund, Verteilungsmuster, Symptomatik, Gewebequalität, Verlauf und die gesamte individuelle Situation der Patientin.